Gekommen, um zu bleiben

Foto: Aktion Deutschland Hilft/Trappe

Foto: Aktion Deutschland Hilft/Trappe

Im Südsudan ist jeder Dritte auf der Flucht. Es ist die größte Fluchtbewegung in Afrika.

Frauen, Männer, Kinder und Alte fliehen aus ihrer Heimat vor einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg. Wer es schafft, bringt Kleidung, Kochtöpfe, Vieh. Viele bringen nichts.

Schutz finden sie vor allem in den Nachbarländern Kenia und Uganda. Hier fangen sie von vorne an. Hier lernen sie, wie dehnbar der Begriff der Gastfreundschaft ist.

In Kenia müssen sie in Lagern leben, können sich nicht frei bewegen oder arbeiten.

Foto: Johanniter/Axel Fassio

Foto: Johanniter/Axel Fassio

In Uganda bekommen sie Land, auf dem sie sich ein Haus bauen und Landwirtschaft betreiben können.

Foto: Malteser International

Foto: Malteser International

Vier Südsudanesen erzählen, wie sie diese Gastfreundschaft in Kenia und Uganda wahrnehmen.

Sie berichten von Erfolg und Optimismus, von Frust und Perspektivlosigkeit.

Ihre Geschichten zeigen, warum sich bei den Themen Flucht und Integration der Blick nach Afrika lohnt.

Eine Reportage von Johanna Sagmeister

No Connection

Kakuma ist für Elisabeth Yual alles und nichts.
Sie erzählt, wie es ist in einer Welt von Widersprüchen aufzuwachsen.

Elisabeth Yual klappt den Bildschirm von Computer II auf und zieht ihren gelben Plastikstuhl näher an den Holztisch. Es wirkt fast ehrfürchtig, als die18-Jährige den An-Knopf ihres Laptops drückt. Mit starrem Blick und leicht geöffnetem Mund wartet sie geduldig, bis das System hochgefahren ist. Elisabeth freut sich auf die kommenden zwei Stunden im Computerkurs. Heute wird sie zum ersten Mal im Internet surfen. 

Drei Monate ist es her, dass Elisabeth zum ersten mal einen Computer bedient hat. Inzwischen beherrscht sie das Zehn-Finger-System, kennt Paint, Word und Excel. Wenn sie durch die Programme navigiert, bewegt sie den Mauszeiger zwar noch langsam und unsicher, ist dennoch stolz auf ihr Können. Ihren Freunden hier im Kakuma Flüchtlingslager ist sie damit einiges voraus.

Foto: Rahel Klein

Foto: Rahel Klein

Elisabeth Yual lebt im Nirgendwo. Das heißt Kakuma übersetzt und beschreibt die Lage des Camps im Norden Kenias sehr treffend. Bis zur nächsten Stadt Lodwar sind es drei Autostunden. Dazwischen liegen Felsengebirge und Wüste.

Alle Gassen und Viertel kenne sie immer noch nicht, erzählt sie. Zu groß ist das Camp, das sich auf rund 15 Quadratkilometern erstreckt. Vor 25 Jahren wurde es als provisorisches Lager errichtet. Mittlerweile gibt es einfache Märkte, Friseure, Copy-Shops, kleine Hotels.

Zahlenmäßig könnte Kakuma mit seinen rund 180.000 Einwohnern eine Großstadt sein. Doch eine Großstadt prägen autoverstopfte Straßen, Elektrizität und ein lebendiges wirtschaftliches und kulturelles Treiben. An all dem fehlt es hier. „Außer Schule und Haushalt gibt es nicht viel zu tun", erzählt Elisabeth. Der große Nachteil am Leben hier sei die Langeweile.

Das Lager wächst: Kakuma 2003 und 2015

Also verbrachte Elisabeth die viele freie Zeit mit den anderen Jugendlichen. Mit 16 ist es mit der Langeweile dann schlagartig vorbei, Elisabeth wird schwanger.

Ihre Tochter bekommt sie pünktlich zum Schulabschluss. Ihr Freund, der ihr versprach sie zu heiraten, hatte sie da schon verlassen. Ihr Traum zu studieren droht zu platzen. „Wer würde einer alleinerziehenden Mutter schon ein Stipendium geben?", fragt sie. Dabei hat sie einen kenianischen Schulabschluss und spricht sehr gutes Englisch.

Seit Anfang des Jahres hat Elisabeth ein neues Ziel: Mit ihren Computerkenntnissen möchte sie sich für eine Stelle bei einer Hilfsorganisation im Camp qualifizieren. Es sind die besten Jobs die man hier bekommen kann. Sie sind gut bezahlt, sie verlangen geistige und nicht körperliche Fähigkeiten. Dementsprechend begehrt sind diese Stellen und dementsprechend konzentriert und ernst ist Elisabeth während des Unterrichts.

„Das World Wide Web ist ein riesiges Netzwerk aus Informationen“, wiederholt sie die Sätze ihres Lehrers, als sie den Internetbrowser öffnet. Auf der Google-Homepage angekommen, fragt sie sich, was sie jetzt suchen soll und zögert:

„Das wird uns der Lehrer bestimmt gleich sagen.“

Dass sie eintippen könnte was sie will, kommt ihr nicht in den Sinn. Die unendlichen Weiten und Möglichkeiten des Internets begreift sie in diesem Moment nicht.

Als der Lehrer sagt, sie sollen einfach irgendetwas eintippen, überlegt Elisabeth kurzund schreibt „Movies“. 

Doch die Seite lädt nicht. 

„There is no Internet connection" steht auf dem Bildschirm.

Diesen Monat hatte der von Flüchtlingen betriebene Verein kein Geld, um den Internetanbieter zu bezahlen. Die Verbindung für die acht Teilnehmer kommt vom Handy des Kursleiters.

Zwei Wochen wird der Kurs noch dauern, dann bekommt Elisabeth ihr Zertifikat. Wird bis dahin keine passende Stelle bei einer Hilfsorganisation im Camp frei, wird ihr Leben wieder eintönig.

Deshalb möchte Elisabeth weg von hier. Wohin genau, kann sie nicht sagen. Hauptsache vom Nirgendwo ins Irgendwo. Kakuma ist für Elisabeth gleichzeitig alles und nichts.

Hier ist sie groß geworden, hat Freunde gefunden, ist Mutter geworden. Das Camp ist voller Erinnerungen. Aber Kakuma ist auch Endstation im Nirgendwo. Die Ressourcen sind knapp, Bildungsmöglichkeiten, Arbeitsplätze und Freizeitaktivitäten sind stark eingeschränkt. Viele Flüchtlinge sind perspektivlos und sehen keine Verbesserung ihrer Situation – und das über Generationen hinweg. Das frustriert und macht mutlos.

Elisabeth hat sich entschieden zuversichtlich zu bleiben. Sie weiß, dass Bildung für sie der einzige Weg ist, dem Lager zu entkommen. Deshalb solle ihre Tochter erst heiraten, wenn sie ein Studium abgeschlossen habe, sagt sie.

Für Elisabeth ist Kakuma kein Gefängnis, sie sieht es als eine Art Exil. „Wenn ich es nicht schaffen sollte, rauszukommen, dann zumindest meine Tochter“, sagt sie.

Foto: Rahel Klein

Foto: Rahel Klein

Umgeben von Plastikplanen

Mario Daniel lebt in der kenianischen Flüchtlingssiedlung Kalobeyei. Anstatt Innovation erlebt er Stillstand.

Wenn Mario Daniel durch seine Nachbarschaft läuft, wird der sonst ruhige Mann aus dem Südsudan ungeduldig. Seit einem Jahr nennt er die Flüchtlingssiedlung Kalobeyei sein Zuhause. Und immer noch stehen Haus um Haus mit Wellblechdächern und Wänden aus Plastikplanen da. Grell reflektieren sie die Wüstensonne, flattern bei jedem Windstoß laut auf. Nachts werden sie häufig von Kriminellen zerschlitzt, die Lebensmittel aus den Häusern stehlen.

Mehr als 7.000 dieser provisorischen Häuser stehen hier in Kalobeyei. Vor zwei Jahren wurde die Flüchtlingssiedlung eröffnet, weil das benachbarte Lager Kakuma mit 150.000 Einwohnern schon lange überfüllt war. Bei der Eröffnung waren die Hoffnungen groß, dass Kalobeyei anders und besser wird als Kakuma. Die Menschen sollen hier unabhängig leben, in Steinhäusern, mit eigener Landwirtschaft und lebendigen Märkten. Deshalb der Name Siedlung und nicht Lager.

Kalobeyei, wie es sein sollte - und wie es wirklich ist:

Foto: Rahel Klein

Foto: Rahel Klein

„Unser Leben hier ist nicht besser als das der Menschen in Kakuma“, sagt Daniel. Er bekommt zwar keine Lebensmittelrationen, sondern Guthaben, mit dem er sich Lebensmittel kaufen kann. Aber das Guthaben reiche nicht, um die Familie einen Monat lang mit Essen zu versorgen. „Wenn ich arbeiten dürfte, wäre das anders“, sagt er.

Daniel, 66 Jahre alt, wacher, neugieriger Blick, ist gelernter Zimmermann. Im Südsudan hatte er seinen eigenen Betrieb, fertigte Türrahmen, Tische und eben alles, was man für ein Haus braucht. In seinem neuen Haus im Dorf 2, Nachbarschaft 32, Block 3 befindet sich kein einziges Möbelstück aus Holz. Er besitzt nicht mal eine Matratze. Deshalb machen ihn die Zeltplanen so wütend. Hier gibt es viel zu tun für einen Zimmermann wie ihn. Doch Flüchtlinge haben in Kenia nur sehr begrenzte Möglichkeiten zu arbeiten.  

Die restriktive Flüchtlingspolitik Kenias macht Flüchtlinge automatisch abhängig von der Hilfe der internationalen Gemeinschaft.

Laut Gesetz dürfen sie sich nicht frei im Land bewegen, sondern müssen ausschließlich in Lagern leben. Eine Arbeitserlaubnis bekommen sie meistens nur für die Arbeit innerhalb der Camps.

Kenia möchte mit dieser Politik zeigen, dass diese Lager nur eine vorübergehende Lösung sind. Die Flüchtlinge werden hier als Gäste gesehen, die das Land nach einiger Zeit wieder verlassen.

Allerdings wird die Zahl der Geflüchteten von Jahr zu Jahr größer. Hinzu kommt, dass sie das Land nicht so schnell wieder verlassen. Im Durchschnitt lebt ein Flüchtling 17 Jahre in Kakuma.

Für Menschen wie Mario Daniel ist das eine frustrierende Situation. Für die internationale Gemeinschaft ist das in erster Linie teuer. Und es fehlt an Geld.

Die Versorgungslücke ist mittlerweile so groß, dass die Nahrungsmittelrationen für die Geflüchteten seit Oktober 2017 in ganz Kenia um 30 Prozent gekürzt wurden.

Beim Anblick seines neuen Zuhauses fällt es Mario Daniel schwer, optimistisch zu bleiben.

Der 66-Jährige glaubt nicht daran, dass er wieder in den Südsudan zurückkehren wird. Er möchte diese provisorisch und verwundbare Siedlung zu seinem dauerhaften Zuhause machen. Also hofft er, dass seine Arbeitserlaubnis möglichst bald bewilligt wird.

Bis dahin verbringt er die Tage überwiegend im Haus seines jüngeren Sohns, der mit seiner Frau einen Block entfernt wohnt. Zwar auch nur unter Zeltplanen, aber immerhin mit allen Kindern. „Meine Enkel halten mich jung“, sagt Daniel stolz. Er scheint hier in Kalobeyei noch einiges vorzuhaben.   

Sei mein Gast

Boga Gaba betreibt eine kleine Teestube in der Rhino Flüchtlingssiedlung.
Seit 25 Jahren fühlt sie sich in Uganda willkommen.

Wer den neuesten Klatsch aus der Rhino Siedlung erfahren möchte, muss zu Boga Gaba gehen. Die schattige Sitzecke neben ihrem kleinen Verkaufsstand ist ein beliebter Treffpunkt zum Teetrinken.

Boga, 43 Jahre alt, aufrechter, selbstbewusster Gang, serviert Tee, setzt sich neben ihre Gäste, hört zu. Nach 25 Jahren in Rhino hat sie alle Geschichten schon einmal gehört, weiß, dass der Aufreger von heute, morgen schon wieder vergessen sein wird. Wenn ein Gast zu gehässig und schadenfroh über einen anderen spricht, ergreift sie ruhig aber bestimmt Wort und weist ihn selbstsicher zurecht.

Schon früh hat Boga gelernt sich durchzusetzen. Mit 18 Jahren kam sie als alleinerziehende Mutter nach Uganda. Ihr Mann sei schon im Sudan gestorben, erzählt sie nüchtern. Wie alle Flüchtlinge in Uganda bekam Boga bei ihrer Ankunft ein Stück Land und durfte sofort Arbeiten, um Geld zu verdienen. Ihre kleine Teestube eröffnete sie zwei Jahre nach ihrer Ankunft. „Damals gab es hier nichts“, erinnert sie sich. „Es gab keinen Markt, keine Schulen, keine Krankenhäuser.“ Heute liegt ihre Teestube im Zentrum des Viertels.

Dass im Norden Ugandas mal eine Million Geflüchtete leben würden, hatte bei Bogas Ankunft in den 1990ern niemand erwartet.

Die Region ist stark unterentwickelt. Es gibt keinen Strom, kaum Straßen und Brunnen. Die Infrastruktur musste erst geschaffen werden, um Geflüchtete hier langfristig anzusiedeln. Seit Bogas Ankunft verwandeln sich immer größere Flächen dürren Buschlands in immer größere Dörfer. 120.000 Menschen leben allein in der Rhino Siedlung.

Allerdings entstanden keine Lager, in denen die Flüchtlinge abgeschottet von der lokalen Bevölkerung leben. Es entstanden Siedlungen, die sich kaum von den umliegenden Dörfern unterscheiden. Wenn Boga von ihrem Verkaufsstand auf die andere Straßenseite schaut, blickt sie auf das Wohnviertel der einheimischen Bevölkerung. Kein Zaun, sondern eine breite Schotterstraße trennt das Gebiet der Flüchtlinge von dem der Ugander.

„Solange im Südsudan Krieg herrscht, sind sie bei uns willkommen", sagt Onjimce Fedel. Er ist seit zehn Jahren gewählter Vorsitzende der lokalen Gemeinde, auf deren Grund sich Bogas Geschäft befindet. Boga sei wie eine Schwester für ihn, sagt er und meint damit nicht nur Boga, sondern alle Geflüchteten aus dem Südsudan. Kulturell sind sich Südsudanesen und Ugander sehr ähnlich, teilweise gehören sie sogar dem gleichen Volk an. Deshalb sei es Gemeinden wie der seinen leicht gefallen, Land an die Flüchtlinge zu verpachten, erklärt Onjimce.

Die Gastfreundschaft ist auch deshalb so groß, weil Onjimces Gemeinde von der geschaffenen Infrastruktur enorm profitiert. In Uganda wird Flüchtlingshilfe mit Entwicklungshilfe für Einheimische verbunden. Sie dürfen Brunnen, Krankenhäuser und Schulen, genau wie die Geflüchteten, kostenfrei nutzen und profitieren vom wirtschaftlichen Wachstum. Mindestens 30 Prozent der Hilfsgelder sollen in die lokale Infrastruktur fließen.

Doch mittlerweile sind nicht mehr alle Kommunen so kooperativ wie die, in der Boga lebt. Fruchtbares Land ist in dieser trockenen Gegend rar, die Gemeinden wollen ihre Ackerflächen nicht mehr für die Ansiedlung von Geflüchteten zur Verfügung stellen. Auch diese Gastfreundschaft scheint irgendwann ausgereizt zu sein. Die Politik bleibt liberal, doch Ugandas Vorzeigemodell funktioniert vor allem durch die finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Bis zu zwei Milliarden Dollar soll das Hilfsmodell pro Jahr laut ugandischer Regierung kosten. Deutschland ist mit mehr als 70 Millionen Euro der größte Einzelgeldgeber.

Spätestens seit Anfang des Jahres ist das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft in die Regierung Ugandas aber schwer geschädigt. Ihr wird vorgeworfen, höhere Ankunftszahlen von Geflüchteten gemeldet zu haben, um mehr Hilfsgüter abzurechnen. Die Vereinten Nationen untersuchen „Unregelmäßigkeiten bei der Registrierung, die auf erfundene Flüchtlinge hinweisen“. Im April beginnt die ugandische Regierung mit einer biometrischen Registrierung aller Flüchtlinge, um doppelte Registrierungen auszuschließen.

Boga könnte sich längst einbürgern lassen. Doch sie möchte irgendwann wieder in ihr Heimatdorf zurückkehren. „Stell dir vor, wir hätten all die Zeit in einem Camp verbracht und dort tatenlos warten müssen, bis der Krieg vorbei ist“, sagt sie. „Dann würden wir jetzt immer noch warten.“ Sie beendet ihr Gedankenspiel mit bestürztem Blick. Vor 25 Jahren floh Boga mit ihrer Tochter vor einem Konflikt, der heute immer noch nicht gelöst ist. Ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.

Gemeindevorsitzender Onjimce Fedel

Gemeindevorsitzender Onjimce Fedel

Foto: Klaus Petrus

Foto: Klaus Petrus

Der nächste Schritt

Emanuel Guya erzählt, warum er im Unterricht zwar alles weiß, sich dennoch nicht entspannt zurück lehnen kann.

Emanuel Guya sitzt auf einer der hinteren Holzbänke im Klassenraum und versucht sich daran zu erinnern, ob er vom heutigen Unterrichtsthema schon mal gehört hat. Er ist 17 Jahre und eigentlich viel zu alt für die siebte Klasse, die er besucht. Aber die ugandische Regierung erkennt seinen Schulabschluss aus dem Südsudan nicht an, er muss die letzten zwei Jahre hier in der Rhino Flüchtlingssiedlung wiederholen.

Vielen seiner Mitschüler geht es so wie ihm, sie alle sind Flüchtlinge. Der Jahrgang ist mit 23 Schülern ungewöhnlich klein. Sie werden im einzigen Klassenzimmer der Schule unterrichtet. Draußen unter den Bäumen lernen etwa 600 weitere Kinder. Ein Fünftel von ihnen kommt aus Uganda.

Hitze und Pausenlärm dringen von draußen in die dunkle Lehmhütte. Auf den Holzbänken vor Emanuel sitzen die Schüler mit Stift und Heft, die fleißig mitschreiben. Er sitzt bei den konzentrierten Zuhörern, die sich alles merken müssen, weil sie kein Heft und Stift besitzen.

Emanuel fällt es heute schwer aufzupassen, gedanklich ist er immer noch zu Hause: Seine jüngere Schwester ist heute Morgen an Malaria erkrankt. Ihm fehlen Kanister, um Wasser vom Brunnen zu holen und er weiß nicht, wie er sein Stück Ackerland auf dem typisch steinigen Boden erfolgreich bepflanzen soll.

Sein Lehrer sagt, Emanuel könnte ein sehr guter Schüler sein, wenn er konzentrierter wäre und nicht so oft den Unterricht verpassen würde. Emanuel sagt, er fühle sich zunehmend überfordert. In der Schule trägt Emanuel die Verantwortung für sich selbst. Zu Hause trägt er die Verantwortung für seine vier jüngeren Geschwister.

Vor eineinhalb Jahren kamen die Geschwister ohne ihre Eltern nach Uganda. Die Mutter sei schon länger tot gewesen, erzählt Emanuel mit leiser Stimme, der Vater sei im Dorf ermordet worden. Deshalb seien sie mit zwei Motorrädern über den Kongo nach Uganda geflohen. Die Flucht habe all ihre Ersparnisse aufgebraucht. „Als wir ankamen, hatten wir keine Kleidung, kein Haus und kein Geld.“

Im Südsudan seien sie Bauern gewesen, hätten ein Haus, Garten und Feld gehabt. Hier in Uganda mussten sie von vorne anfangen. „Ich träume davon, auf die weitergehende Schule zu gehen, um danach studieren zu können,“ erzählt Emanuel auf dem Heimweg.

In zwei Monaten wird er die kostenlose Primary School abgeschlossen haben. Die weiterführende Schule kostet 65.000 Schilling, umgerechnet etwa 15 Euro pro Semester. „Schon jetzt fehlt mir Geld für Notizhefte und Stifte, wie soll ich dann bitte diese Schulgebühren bezahlen?“, fragt er.

Doch selbst wenn Emanuel genügend Geld für die weiterführende Schule hat, ist nicht sicher, dass er dann auch eine gute Bildung erhält. Das Bildungssystem in Uganda ist kaum in der Lage, Kinder für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Es gibt zu wenig Schulen und der Unterricht ist häufig sehr schlecht. Lehrer werden nicht gut bezahlt, haben keine Schulmaterialien, sind selbst nicht gut ausgebildet. Durch die hohe Anzahl an jungen Migranten im Norden des Landes verschärft sich das Problem in dieser Region. Doch Reformen im Bildungssystem kommen nur langsam in Gang, die Gemeinden kommen mit dem Schulbau nicht hinterher.

Emanuel wird er nach seiner Abschlussprüfung erst mal Arbeiten müssen. Er wird mit anderen Männern große Steine ausgraben und zermürben, um sie als Baumaterial zu verkaufen. Emanuel hofft, dass er mit dem Lohn nicht nur mehr Geld für sich und seine Geschwister hat, sondern auch einen kleinen Teil sparen kann. Er möchte nicht in dem Teufelskreis aus Armut und mangelnder Bildung stecken bleiben.

Foto: Klaus Petrus

Foto: Klaus Petrus

Foto: arche noVa/Alex Fassio

Foto: arche noVa/Alex Fassio

Foto: Klaus Petrus

Foto: Klaus Petrus

Warum sich der Blick nach Afrika lohnt:

Während sich Europa mit seiner „Flüchtlingskrise“ beschäftigt, vergessen wir eines: Afrika – nicht Europa– steht im Zentrum der globalen Flüchtlingsbewegung.

Afrika beherbergt mehr Flüchtlinge als jede andere Region. In Ländern wie Kenia, Uganda und Tansania existieren die größten Flüchtlingslager der Welt. In Kenia und Uganda allein leben mehr als 1,9 Millionen Flüchtlinge. Das sind mehr Menschen, als im Jahr 2015 in Europa ankamen. Dabei entsprechen die Bruttoinlandsprodukte von Kenia und Uganda im Schnitt einem Zwanzigstel von dem europäischer Staaten.

Filippo Grandi, UN-Kommissar für Flüchtlinge, hatte Recht, als er im Juni sagte:

“Those shouting about a refugee emergency in Europe or America should visit African communities giving refuge to millions with small resources.”
Filippo Grandi, UN-Kommissar für Flüchtlinge

Jahrzehntelang haben humanitäre Organisationen in afrikanischen Ländern Programme zur Not- und Selbsthilfe umgesetzt und aus Fehlern gelernt, an Schwachstellen gearbeitet. Afrika ist nicht nur ein Kontinent der Flucht und wie in Kenia, Kontinent einer reaktionären Flüchtlingspolitik. Es ist auch Sammelbecken fortschrittlicher, humanitärer und politischer Ideen. Wir Europäer können davon lernen.

Wir lernen, dass Integration und ökonomische Teilhabe der Flüchtlinge, allen hilft. Den Geflüchteten und den Gastgebern. Wir lernen, dass auch die gastgebende Bevölkerung von der Unterstützung und Hilfen für Geflüchtete profitieren kann.

Vor allem aber zeigen die Geschichten, dass Flucht kein vorübergehendes, sich schnell lösendes Problem ist, sondern dass Menschen, die vor Krieg fliehen, oft jahrzehntelang Vertriebene bleiben. Sie sind gekommen um zu bleiben. Sie bleiben, weil sie nicht anders können.

Keines der afrikanischen Modelle ist perfekt. Aber sie zeigen uns, welche Auswirkungen politische Entscheidungen auf Flüchtlingshilfe und auf die Menschen selbst hat. Und sie zeigen uns neue Interpretationen von Gastfreundschaft.

Über das Projekt

Dieses Projekt entstand im Rahmen des Journalistenpreises Humanitäre Hilfe, der von Aktion Deutschland Hilft und dem Auswärtigen Amt veranstaltet wird. Die Recherche wurde durch ein Recherchestipendium ermöglicht, das Teil des Journalistenpreises ist. Die zweiwöchige Reise hat Ende April 2018 statt gefunden, organisiert wurde sie in Uganda von Malteser International und in Kenia von der Johanniter Auslandshilfe.

Vielen Dank an Rahel Klein und Aktion Deutschland Hilft für die Freigabe ihrer Fotos und an das Team von Malteser und Johanniter für die Organisation.

Texte: Johanna Sagmeister (Torial, Twitter)

Fotos: Johanna Sagmeister, Rahel Klein, Aktion Deutschland Hilft (Klaus Petrus, Alex Fassio), Johanniter, Malteser